Die tödliche Sekunde: Warum Müdigkeit am Steuer unterschätzt wird
Häufiges Gähnen, Frösteln oder brennende Augenlider sind weit mehr als harmlose Erschöpfungszeichen. Am Steuer eines Autos signalisieren sie eine lebensgefährliche Bedrohung. Dennoch wird das Risiko des Sekundenschlafs von vielen Autofahrern unterschätzt.
„Müdigkeit schränkt die Fahrtüchtigkeit ähnlich stark ein wie Alkohol“, warnt Marcellus Kaup, Experte bei TÜV SÜD in München. Wer ehrlich zu sich selbst sei, müsse zugeben, eine solche kritische Situation schon einmal erlebt zu haben. Die physikalischen Folgen eines kurzen Einnickens sind verheerend: Bei einer Geschwindigkeit von 100 km/h legt ein Fahrzeug in nur drei Sekunden über 80 Meter im absoluten Blindflug zurück – völlig ungesteuert und unkontrollierbar.
Vor diesem Hintergrund legt der TÜV SÜD-Fachmann jedem Autofahrer ans Herz, sein Fahrverhalten kritisch selbst zu beachten, um nicht von Sekundenschlaf überrascht zu werden. „Bei den ersten Warnzeichen des Körpers sollte der nächste Parkplatz das unmittelbare Ziel sein, um ein Nickerchen zu machen. Alles andere kuriert nur an Symptomen“, warnt Kaup. Nach einer Pause von zehn bis 20 Minuten kann es dann weiter gehen. Längere Schlafzeiten sind eher kontraproduktiv, erläutert Kaup: „Je länger der Kurzschlaf, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass während dessen die REM-Phase (REM = Rapid Eye Movement) eintritt und der Kurzschlaf folglich als nicht erholsam erlebt wird.“
Besonders groß ist die Gefahr, wenn die Fahrt entgegen der inneren Uhr angetreten wird. Zwischen zwei Uhr und fünf Uhr morgens sowie am Nachmittag gegen 14 Uhr befindet sich der Mensch in einem biologischen Tief. Dabei führt Müdigkeit nicht nur zu Konzentrationsproblemen. „Auch die Reaktionszeit lässt deutlich nach“, gibt der TÜV SÜD-Fachmann zu bedenken. Zudem überschätzt der Fahrer seine Fähigkeiten.
Autohersteller versuchen den tückischen Müdigkeitsattacken technisch zu Leibe zu rücken. Sogenannte Müdigkeitswarner überwachen etwa die Lidschlagfrequenz oder werten Lenk- und Schaltverhalten aus. Registrieren sie Auffälligkeiten, erfolgt zumeist akustisch eine Warnung. „Das ist sicherlich ein Sicherheitsplus“, findet der TÜV SÜD-Fachmann, „aber die wichtigste Vorsorge bleibt – nur ausgeschlafen fahren und bei langen Fahrten regelmäßig Pausen machen.“
Für die Pause sollte man sich einen Wecker stellen, den Kopf auf das Lenkrad betten oder die Rückenlehne zurückstellen, dann die Augen schließen und langsam zur Ruhe kommen. „Wer möchte, kann vor dem Kurzschlaf noch einen Kaffee trinken. Das darin enthaltene Koffein wirkt erst nach 30 Minuten, hindert also nicht beim Einschlafen, erleichtert allerdings das Wachwerden und verstärkt so anschließend den Erfrischungseffekt“, weiß Kaup. Der Kaffee ist jedoch nicht als Schlafersatz geeignet.